Die tiefste Highline der Welt - Spannendes “Deepline-Projekt” in Frankreich von Lukas Irmler und Kameramann Valentin Rapp

Lukas Irmler auf der Deepline, Foto Valentin Rapp
Die oberbayerischen Slackliner sorgen ja fast schon regelmäßig mit spektakulären Highline-Aktionen und Rekorden für weltweites Aufsehen. Doch müssen Highlines immer hoch über der Erde gespannt werden? Nein. Für sein „Deepline“-Projekt begab sich Slackline-Profi Lukas Irmler (28) aus Freising, der regelmäßig im Inntal trainiert, vergangenes Jahr in die weltberühmte französische Höhle Gouffre Berger und lief in 500 Metern Tiefe über eine Highline – Tiefenrekord. Mit dabei: der Brannenburger Kamermann und Fotograf Valentin Rapp (24), der die spektakuläre Aktion in eindrucksvollen Bildern und einem 18-minütigen Video festgehalten hat. 

Foto: Valentin Rapp
Wie ein riesiges Kirchenschiff streckt sich der Salle des Treize in die Länge – rund 500 Meter unter der Erde. Zapfen aus Kalkstein wachsen von der Decke, bis zu zehn Meter hohe Stalakmiten recken sich ihnen vom Boden entgegen. Wasser bedeckt den Untergrund und spiegelt Lukas Irmler, der auf einer 85 Meter langen Highline 30 Meter über dem Boden balanciert – langsam, einen Fuß vor den anderen setzend, die Hände weit von sich gestreckt. Nach rund zehn Versuchen ist es geschafft: Der 28-jährige Freisinger hat in der weltberühmten Höhle Gouffre Berger nahe Grenoble den Tiefenrekord für eine Highline aufgestellt.

Ein ungewöhnliches Projekt: Normalerweise werden Highlines zwischen zwei Felswänden oder Zinnen gespannt – mehrere hundert Meter über dem Boden – nicht unterhalb. „Wir wollten einfach mal etwas ganz anderes ausprobieren. Die Gouffre Berger eignet sich dazu perfekt, weil sie einfach eine wahnsinnig geschichtsträchtige Höhle ist und der Salle des Treize einen gigantischen Ort für eine Line darstellt. So etwas findet man nicht oft auf der Welt!“, schwärmen Lukas Irmler und Valentin Rapp.

 
Lukas Irmler (links) und Valentin Rapp (rechts)

Das „Deepline“-Projekt stellte ganz neue Anforderungen an die Beiden: „Die Highline war aufgrund der Feuchtigkeit komplett mit Wasser vollgesogen – und daher sehr rutschig. Das und die schlechte Sicht haben es mir schwergemacht. Am Anfang konnte ich keine zehn Schritte hintereinander auf dem Seil gehen“, erzählt Lukas. Für Valentin Rapp, selbst Highliner, blieb diesmal keine Zeit, die Highline auszuprobieren. Die Film- und Fotoaufnahmen in der Tiefe waren für den Brannenburger völliges Neuland und Herausforderung genug. Reicht das Licht zum Filmen und Fotografieren? Funktioniert die Drohne da unten überhaupt? Wie mit der Feuchtigkeit umgehen? 

Ein Teil des Teams, Foto Valentin Rapp
Dann die körperlichen Strapazen: „Der Ab- und Aufstieg, den unser insgesamt 15-köpfige Team jedes Mal bewältigen musste, dauerte bis zu neun Stunden.“ Mit dabei waren neben den Beiden noch französische Slackliner, ein paar erfahrene Caver und weitere Helfer. „Wir haben uns für die Materialtransporte in zwei Gruppen aufgeteilt – so hatte immer ein Team Ruhetag“, erklärt Valentin. Lukas: „Insgesamt war ich zwei Mal in der Tiefe, am Rekordtag fast 22 Stunden am Stück.“ Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand da unten? „Die Stirnlampe“, lacht Lukas, „ohne siehst du rein gar nichts.“

Foto: Valentin Rapp
Besonders beeindruckt haben die beiden deshalb die Leistungen, die die ersten Höhlenforscher rund um Fernand Petzl, Gründer des Outdoorherstellers Petzl, der das Projekt unterstützte, in der Gouffre Berger vollbrachten: „Wir haben die Line ‚Crise de la Soixintine‘ (wörtlich ‚die Krise der Sechziger‘) getauft – in Anlehnung an Fernand, der hier vor 60 Jahren als erster Höhlenforscher überhaupt in eine Tiefe von mehr als 1000 Metern vordrang.“ Petzl erkundete dabei nicht nur die Höhle, sondern testete auch eigene Abseil- und Aufstiegsgeräte.

Platz für weitere Tiefenrekorde gibt es in der Gouffre Berger noch genug: Das Höhlensystem ist bis zu 1271 Meter tief und 31 Kilometer lang. Ob sie noch einmal herkommen wollen? „Es würde mich schon reizen, weitere Höhlenabenteuer zu erleben! Es gibt ja auch noch viele andere spannende Höhlen auf der Welt. Wichtig für mich ist gar nicht so sehr der Rekord oder die Tiefe – entscheidend ist die Schönheit des Platzes – und das Abenteuer. Also ja, vielleicht versuchen wir nochmal etwas Tieferes – in der Gouffre Berger oder woanders“, meint Lukas. Die Ideen gehen den beiden nicht aus. Gerade waren sie gemeinsam vier Wochen in Tasmanien unterwegs. „Spannend!“ Mehr wollen sie noch nicht verraten. pr

Alle Fotos: Petzl/ValentinRapp